drunter und drüber

Anatomische Betrachtungen zu

 

Englischen Kröpfern und Englischen Zwergkröpfern

 

Englische Kröpfer und Englische Zwergkröpfer gehören zu den ältesten hochgezüchteten Rassetauben in Europa. Um das heutige Erscheinungsbild dieser beiden Kropftaubenvarietäten  besser zu verstehen, ist es angebracht, einen Blick in die Entstehungsgeschichte beider Rassen zu werfen.

Hierzu empfehle ich neben der vom Sonderverein mit vielen historischen Abbildungen herausgegeben und hervorragend gestalteten Broschüre '100 Jahre organisierte Zucht Englischer Kropftauben in Deutschland 1912-2012' das Buch „Taubenrassen“ von Prof. A. Sell.

Entstehung, Herkunft und Verwandtschaften sind überaus seriös recherchiert und chronologisch einwandfrei dargestellt. Die vom Autor eingeflochtenen Erläuterungen und Hinweise machen es zu einem wahren Lesevergnügen. Das umfangreiche Quellenverzeichnis ermöglicht problemlos weitergehende Studien.

 

Thema dieses Beitrages ist die Beschäftigung mit den gestaltlichen Grundlagen dieser Kröpferrassen und den damit verbundenen Auswirkungen auf ihre Rasseentwicklung.

Im Laufe von mehr als einhundert Jahren Entwicklung und rassetypischer Vervollkommnung sind sehr unterschiedliche Gewichtungen der einzelnen Rassemerkmale zu erkennen. Das hat natürlich und in erster Linie mit den verwendeten Ausgangsrassen zu tun. Die jeweiligen „Idealdarstellungen“, die Vorläufer unserer heutigen Standardbilder zeigen sehr wohl den Weg, wo es einmal hingehen soll. Sie vermitteln dem geübten Betrachter aber auch einen gewissen „Istzustand“.

Charles Darwin (1809-1882) ,Geflügelboerse 03/2009

Quelle: DDr.Leonhard Kühschelm

Die Zeichner und Lithographen des 18. und 19. Jahrhundert haben die Merkmale, auf die es den Züchtern jener Zeit in der Hauptsache  ankam, auftragsgemäß idealisiert dargestellt. Die ganz „normalen“ nicht im unmittelbaren Focus der Betrachtung stehenden Körpermerkmale wurden dem tatsächlichen Zustand entsprechend abgebildet. Wir sehen auf Abbildungen jener „Anfangszeit“ immer perfekt geblasene Kröpfe, teilweise auch schon beachtliche Standhöhen.

Was die Körperlänge und hier besonders die Länge der Hinterpartie angeht, kann man davon ausgehen, dass die Tiere, wenn sie nicht auf ihren Postamenten stehen würden, den geforderten senkrechten Stand nicht hätten zeigen können. Die lange Hinterpartie macht einen nahezu senkrechten Stand unmöglich.

Es ist nicht davon auszugehen, dass Merkmale, die z.B. durch Einkreuzungen von Römertauben übernommen wurden, innerhalb weniger Jahre zurückgedrängt werden konnten.

Die Gene dieser großgestaltigen Tauben waren aber nötig, schließlich wollte man den größten aller hoch stehenden Kröpfer erzüchten.

Mit dem Aufkommen der Fotographie und ihrer Verwendung auch in der Taubendarstellung änderte sich die Situation ein wenig. Von nun an sah man nicht mehr diese voluminösen Kröpfe, dafür waren die Tiere in der Hinterpartie deutlich kürzer. Die Gründe sind nach Meinung des Verfassers nicht in der plötzlichen züchterischen Genialität der Taubenzüchter zu suchen, sondern in dem handwerklichen Geschick der vielen in den Redaktionen der Zeitungen beschäftigten Retuscheure.

Es war allgemeine Sitte, den Autoren wie den Kunden des jeweiligen Fachblattes die ihnen genehmen Fotos zum Text zu offerieren.

Nun glaube niemand, diese Vorgehensweise verurteilen zu müssen. Jede Zeit hat ihre Mittel und wenn man sich heute einschlägige Fotos anschaut, dann müsste unter manchem Copyright noch das © des jeweiligen Bildbearbeitungsprogrammes stehen.

Wichtig in diesem Zusammenhang ist nur: Man sollte die „gebastelte“

Vision nicht mit der Wirklichkeit verwechseln!

Und mit der Wirklichkeit möchte sich der Verfasser hier beschäftigen.

Mit der Wirklichkeit unter der Haut und den Federn der Tauben.

Eine Wirklichkeit, die letztendlich zur Vollkommenheit einer Rassetaube gehören sollte.

Synonym zu Wirklichkeit ist unter anderen Praxis und Wahrheit.

In der Praxis werden Tauben nach den Vorgaben des gültigen Rassetaubenstandard gezüchtet, ausgestellt und bewertet.

Grundlage der Bewertung ist die Musterbeschreibung und das aktuelle Musterbild.

 

Unter Gesamteindruck steht „ Bei richtigem Beinaustritt ist das Verhältnis Vorder- zur Hinterpartie etwa 2/3 zu 1/3.“

 

Gehen wir davon aus, dass der Beinaustritt im Standardbild richtig gezeichnet ist und tragen von dort 2/3 der Körperlänge auf die  Vorderpartie ab, so landen wir mit dem Zirkelschlag weit oberhalb der Scheitellinie. Bei 1/3 Hinterpartie endet man etwa in der Mitte des Schwanzes.  

Wie ist das möglich? Es gibt nach Meinung des Verfassers dazu nur eine Erklärung.

Da man sich im bundesdeutschen Ausstellungswesen darauf geeinigt hat, nicht mit Längen- Breiten- Höhenmaßen und Gewichten zu arbeiten, sind solch gravierende Fehler vorprogrammiert.

Die Drittelung basiert auf definierten Werten. Der definierte Wert ist in dem Fall die gemessene Körperlänge.

Der Entwurf der Standardfassung wird üblicherweise im zuständigen Sonderverein der Rasse abgefasst.

Danach berät die Standardkommission über  den eingereichten Entwurf. Wenn Text- und Bildentwurf  den Vorstellungen und Regeln entsprechen, wird der Zeichner beauftragt, das gültige Musterbild zu schaffen und der ganze Vorgang wird zum „Gesetz“.

Soweit, so gut, wäre da nicht wieder der Kontrast zur Wirklichkeit. Der sachliche Vorgang ist besprochen, kommen wir nun zur Wahrheit.

 

 

Um noch mehr Informationen zu erhalten, hat der Verfasser die Internetseite des zuständigen Sondervereins besucht.

Dort werden zwei weitere Musterbilder publiziert, das 

SV – Musterbild – Großkröpfer – 2011 und das SV – Musterbild – Zwergkröpfer – 2011.

Da der Autor aus seiner künstlerischen Arbeit weiß, dass das in vielen Sondervereinen so gehandhabt wird, war er darüber nicht sonderlich überrascht. Beim Studium dieser Bilder stellten sich aber noch größere Missverhältnisse als im offiziellen Standardbild heraus.

Die 2/3 – 1/3 Verhältnisse lassen sich auch hier nicht ermitteln.

Noch auffälliger sind die Längenverhältnisse der Beinknochen.

 

Da das bisher ausgeführte reine Theorie ist, soll nun zu

Praxis und Wahrheit übergeleitet werden.

 

Der erste Blick führt in das anatomische Grundgerüst dieser Taubenrassen.

Das Skelett des Großkröpfers hat in Standardstellung eine Scheitelhöhe von 39,0 cm. Die beiden Zwergkröpfer brachten es auf 32,0 cm und 32,5 cm.

 

Zum Vergleich das Foto aus der SV – Homepage. Zu diesem Foto ist vermerkt: „Unsere beiden Musterbilder, maßstabsecht (mit den Maßen aus den Zuchten ) gegenübergestellt.“ „ Die Unterschiede in Blaswerk, Wicklung und Teller kommen deutlich zur Geltung.“

(© Club der Engl. Groß- und Zwergkröpfer)

Wenn man die oben erwähnten Scheitelmaße „maßstabsecht“ auf die Zeichnung überträgt, kommt man bei dem Zwergkröpfer auf 26 cm!

Scheitelhöhe.

Optional soll noch auf den VKSK- Standard der ehemaligen DDR hingewiesen werden. Hier galten als Höchstlängenmaße für den Engl. Zwergkröpfer 35,0 cm. Der Großkröpfer wurde mit einer Länge von 42 bis 48 cm angegeben.

Diese Maße finden sich auch noch in der 1954 vom A. Jürgens Verlag, München, herausgegebenen Musterbeschreibung der Tauben.

 

Zum besseren Verständnis hat der Verfasser 2 Halbtonzeichnungen nach den Originaltiermaßen angefertigt.

Der Vergleich der beiden Halbtonzeichnungen mit den im Bild zurückgesetzten offiziellen Standardbildern macht die tatsächlichen Maßverhältnisse deutlich.

Im gültigen BDRG- Standard ist noch eine Ansicht der Beine von vorn dargestellt. Im Text heißt es unter Position Läufe (Beine): „Vorderansicht: Lang und eng zusammenstehend und bis zu den Fersen parallel verlaufend. Unterschenkel schlank (ellipsenförmig), Läufe lang.“

Was mit dem Begriff ellipsenförmig gemeint ist, hat sich dem Verfasser nicht erschlossen. Weder der Querschnitt des Unterschenkels noch der Blick von vorn lassen eine Ellipse erahnen!

Die Plastizität der Unterschenkelmuskulatur lässt eine derart beschriebene Form nicht zu.

Die vom Verfasser ebenfalls in Halbton gezeichnete Beinstellung von vorn unterstreicht das gesagte.

Alternativ dazu ein Foto aus der eingangs erwähnten Festschrift zu „100 Jahre organisierte Zucht Englischer Kropftauben in Deutschland 1912 – 2012“. 

Das Foto zeigt in seiner Ansicht von vorn beiweiten nicht den gesamten Beinaufbau des Englischen Kröpfers. Vielmehr stellt es die anatomische Situation vom Kniegelenk abwärts dar.

Das anatomische Fundament des Beines ist aber im Becken mit seinen Hüftgelenken zu suchen. Und hier liegt der sprichwörtliche „Hase im Pfeffer“. Es ist das „klein, klein“, was zum fertigen „Gericht“ wird.

Im Fall der Englischen Kröpfer ist es der aufrechte Stand, in dessen Folge die Oberschenkelknochen die natürliche Anlehnung an die Brustrippen verlieren. Dadurch und nur dadurch kommt es zu dem im Standard geforderten „lang und eng zusammenstehend und bis zu den Fersen parallel verlaufend“. An dieser Stelle wird wieder die Absurdität der Standardbegriff – Änderung:  Beine durch Läufe zu ersetzen, auf das deutlichste sichtbar!

Zur Erinnerung: Deutscher Rassetaubenstandard, letzte Fassung.

Läufe: Vorderansicht: Lang und eng zusammenstehend und bis zu den Fersen parallel verlaufend, Unterschenkel schlank (ellipsenförmig),“

 

Wer mit solchen, völlig falschen Standardforderungen agiert, muss sich nicht wundern, wenn die Öffentlichkeit mit Lächeln, Unverständnis und schlimmstenfalls mit „Angriffen“ reagiert.

Auch möchte sich der Autor nicht in die Situation des Schulungsleiters einer Preisrichtervereinigung versetzen, der jungen, interessierten und intelligenten Preisrichteranwärtern den Standard einer Taubenrasse erklärt!

Vielleicht sollte man auf „höchster Ebene“, sprich in der Europäischen Standardkommission doch noch einmal darüber nachdenken!

 

Doch zurück zu der Betrachtung der Längenmaße der Beinknochen.

Die beiden Halbtonzeichnungen bilden die ermittelten Beinknochenmaße exakt ab.

Zum Vergleich die Zeichnungen SV – Musterbild – Großkröpfer – 2011 und SV – Musterbild – Zwergkröpfer – 2011.

Maßangaben der Beinknochen nach präparierten Originaltieren.

Wie sich die Maßangaben zu den gezeichneten Beinknochenlängen verhalten, ist den Bildern zu entnehmen.

In oben erwähnter Festschrift findet sich auf Seite 84 bis 86 ein weiterer „Standard, Englische Kröpfer“. Und ein weiteres „Standardbild“, diesmal vom „offiziellen“ Standardbildzeichner J.L.Frindel. Abgesehen davon, das man jetzt überhaupt nicht mehr erkennen kann, welches der vielen Bilder nun das offizielle Standardbild ist, sind die Längenverhältnisse der Beinknochen hier komplett auf den Kopf gestellt.

Auf Seite 75 der Festschrift steht unter „Der Beinaufbau“:

„Die Länge, von der Fußsohle bis zu den Fersengelenken, sollte 2/5 der sichtbaren Beinlänge betragen“. Auf dem „Standardbild“ sind aber die Läufe länger gezeichnet, als die „sichtbaren Unterschenkel“.

An dieser Stelle verkneift sich der Verfasser einen Kommentar!

Auf dem VDT – Meeting 2012 in Annaberg – Buchholz hat der Verfasser Ausführungen über die missverständliche Bedeutung des Standard - Begriffes „Läufe“ als Synonym für Beine gemacht. Da das Problem weiterhin akut scheint, soll der anatomische Vergleich mit einem menschlichen Bein das Thema im Hinblick auf seine Komplexität erhellen.

Quelle: Basch,Peter: Magische Schönheit, Verlag der europäischen Bücherei, 1963

Das Foto des menschlichen Beines zeigt mit seinem Zehenstand exakt die gleiche anatomische Situation wie das Bein des Englischen Zwergkröpfers. Normal ruht der menschliche Fuß auf „ganzer“ Sohle.

Beim Zehenstand steht er auf seinen Zehen, der so genannten nicht greiftauglichen „Fußhand“. Die Mittelfußknochen bilden das so genannte Fuß- oder Nischengewölbe. (bei der Taube: der Lauf  )

Das Fersenbein stellt mit seinem Ansatz der Achillessehne eine Art Hebel für die Fußmechanik dar.

Das Laufbein oder der Lauf der Taube entsteht durch die Verschmelzung des 2. bis 4. Mittelfußknochen. Die erste Zehe ist gelenkig mit dem 1. Mittelfußknochen verbunden und nach hinten gerichtet. Die 2. bis 4. Zehe zeigen nach vorn.

Die Komplexität der Mittelfußknochen steht sowohl beim Mensch als auch der Taube einer unbegrenzten Verlängerung im Wege.

Man stelle sich den zarten Fuß des Frauenbeines in der prozentualen Verlängerung des o. g. SV – Musterbild – Englischer Zwergkröpfer –

vor. Die Ästhetik wäre empfindlich gestört!

 

Resümee

Standards und Standardbilder sind für die Rasseentwicklung wichtig. Wenn sie sich allerdings zu weit von der Realität entfernen und sich teilweise sogar widersprechen, dann können sich zukünftig auch Probleme auftun.

Als Schlussfolgerung des hier aufgezeigten taugt eigentlich nur eine Erkenntnis.

Schluss mit dem Vorgaukeln von illusorischen sowie falschen Standardvorgaben und grenzenlos idealisierten Bildern.  Die Zuwendung zu sachlich und fachlich richtiger Interpretation des tatsächlichen Zustandes würde dem wunderbaren Hobby Rassetaubenzucht gut tun!

Ein Satz aus Robert Musils „ Mann ohne Eigenschaften“  soll dies unterstreichen.

„Man hat Wirklichkeit gewonnen und Traum verloren“

Doch nur die Wirklichkeit ermöglicht Raum für Träume.

 

Dieter M. Fliedner

 

Copyright Dieter M. Fliedner